Wenn Diversity nicht funktioniert: Interkulturelle Kompetenzen im Arbeitsalltag

Vielfalt wird schnell zum Eierlauf, wenn man sich nicht anpasst. Fragen, die sich keiner zu fragen traut.

Als Vanessa für zwei Jahre nach Australien als Expatriate von ihrer Firma entsandt wurde, machte sie sich zunächst keine Gedanken um das Thema Diversity. Schließlich hat sie bereits vier Jahre in einem internationalen Unternehmen gearbeitet und täglich mit Kunden sowie Kollegen aus anderen Kulturkreisen zu tun gehabt. Nach nur wenigen Monaten in Melbourne musste sie jedoch feststellen, dass sie einige Sachen anders handhabt. Als “zu direkt” oder sogar “zu forsch” wurde sie gehalten. Ihr wurde nahegelegt, dass Sie ihre Meinung nicht ganz so direkt äußern solle, denn diese könnte einigen Mitmenschen wehtun. Niemals hat sie jemandem etwas böses gewollt – sie redet halt einfach ohne Filter und wenn sie mit etwas nicht zufrieden ist, dann sagt sie dies. Von der “Sandwich Kritik”, wie sie in ihrem Büro in Melbourne üblich war, halte sie nichts. “Wieso soll man jemanden mit Komplimenten überschütten, damit man einen kleinen Verbesserungsvorschlag machen kann?” ist ihre Meinung.

So richtig unverstanden fühlte sie sich allerdings als eine Kollegin sie um etwas Hilfe bat:.”Ja, natürlich kann ich das machen” sagte sie. Nachdem die Aufgabenstellung klar war, fragte sie die Kollegin, die ursprünglich von den Philippinen kam, wie lang diese Aufgabe denn dauern sollte. Anstatt ihr eine ungefähre Zeitangabe zu geben, hielt sie ihr jedoch eine Standpauke über Verantwortung. Die Kollegin hat nämlich “zwischen den Zeilen” gelesen und geglaubt, dass Vanessa sich vor der Aufgabe drücken wollte und nach einer passenden Ausrede suchte. Dabei wollte Vanessa ihre Zeit nur besser einplanen – typisch Deutsch halt.

Wer kommt eigentlich wem entgegen?

Wer in einem großen Konzern arbeitet, kommt um das Thema Diversity oder interkulturelle Kompetenzen nicht mehr herum. Mittlerweile lobt sich auch jeder selbst auf dem CV, dass interkulturelle Kompetenzen zu seinen Stärken gehören. Was hinter diesen beiden Begriffen zu stecken scheint, weiß allerdings kaum jemand. Die Frage “Wer kommt eigentlich wem entgegen”, wenn beide wissen, dass man einen anderen Kulturkreis hat, kann jedoch nie so richtig beantwortet werden. Auch mit bestem Wissen und Gewissen, kann man seine eigene Kultur nicht abschalten oder sich jedes mal entschuldigen, falls sich jemand missverständlicherweise angegriffen fühlt. Wenn sich beide Parteien interkulturell gegenseitig entgegenkommen, kann dies nüchtern betrachtet zu noch mehr Missverständnissen führen. Entgegenkommen bedeutet immer, dass man sich selbst etwas einschränken muss.

Interkulturelles Training – Muss man seine eigene Kultur abtrainieren?

Konzerne investieren Unmengen an Trainingsgeldern, damit die multikulturellen Kollegen besser zusammenarbeiten können. Diversity oder auch einfach nur Vielfalt genannt, soll laut mehreren Studien die Produktivität und Kreativität steigern. Aus diesem Grund gibt es bereits zahlreiche interkulturelle Trainings für die Mitarbeiter bei internationalen Firmen. In diesen Trainings und Workshops lernt man zunächst seine eigene Kultur besser zu verstehen und wie diese auf andere wirkt. Unterschiede wie auch Beispiele werden diskutiert, die Frage, wie man sich nach dem Training verhalten soll, bleibt allerdings meist offen. Geht es bei interkultureller Kompetenz nur darum, dass man Verständnis für jemand aus einem anderen Kulturkreis hat oder soll man seine eigene Kultur ablegen?

TED Talk zum Thema “Culture and Business”: